In den Straßen von Venedig
Laurel Chokoago & Francesca Waehneldt
Eigentlich begann die Biennale für uns schon lange vor unserer Ankunft in Venedig.
Nämlich als wir uns bereits Wochen vor Abpfiff unseres Zuges Richtung Süden in die unterschiedlichen Pavillons, Künstler:innenbiografien und Slow-Food-Guides Venedigs einlasen.
Als erster Jahrgang des stART.up-Programms der Claussen-Simon-Stiftung reisten wir gemeinsam zur 61. Biennale Arte. Schon auf der Zugfahrt von Hamburg Richtung Lagune begleiteten uns Audio-Inputs, die verschiedene Stipendiat*innen für die Gruppe vorbereitet hatten. Statt eines klassischen Reiseführers entstanden persönliche Zugänge zu einzelnen Pavillons, Künstler:innen und Themen. Schnell wurde klar: Diese Reise würde nicht nur spannend, sondern auch lehrreich werden, gerade weil wir alle aus unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen kommen.
Kaum angekommen, halfen uns die sehr unterschiedlichen Aufbereitungen dabei, die Fülle an Eindrücken einzuordnen. Besonders in Erinnerung geblieben sind uns Alinas Gesprächsrunde vor dem polnischen Pavillon mit anschließendem gemeinsamen Pavillonbesuch sowie die Audio-Spuren von Max und Madeleine, die mal an ein Hörspiel, mal an einen Kulturbeitrag erinnerten. Sie führten uns unter anderem durch den belgischen und niederländischen Pavillon und eröffneten Perspektiven, die wir allein vielleicht übersehen hätten. Ein besonderes Highlight war das speziell für uns organisierte Publikumsgespräch mit dem niederländischen Künstler Dries Verhoeven, bei dem wir als Gruppe all unsere Fragen und Feedback teilen durften, alles dank Madeleines Verbindungen in die Performance Szene.
Die beiden Tage in den Giardini und im Arsenale fühlten sich oft wie eine Achterbahnfahrt an. Für Francesca war es die erste Biennale, für Laurel längst nicht die erste – trotzdem wurden wir beide immer wieder überrascht. Besonders spürbar war für uns die Handschrift der diesjährigen Kuratorin Koyo Kouoh. Unter dem Titel „In Minor Keys“ versammelte sie zahlreiche Positionen, die Fragen von Erinnerung, Zugehörigkeit und Gemeinschaft verhandelten. Für uns war es berührend zu erleben, wie präsent afrodiasporische Perspektiven in der Ausstellung waren.
Manchmal wechselten die Eindrücke im Zehn-Minuten-Takt: Im japanischen Pavillon liefen wir mit einer Babypuppe durch eine Installation, kurz darauf hasteten wir vorbei an Florentina Holzinger, die in schwindelerregender Höhe nackt die Glocke vor dem österreichischen Pavillon schlug und landeten wenig später in der stillen Atmosphäre des ägyptischen Pavillons. Wieder ein paar Minuten später standen wir vor den Arbeiten von Armen Agop und waren plötzlich ganz ruhig.
Über kaum eine Ausstellung wurde in unserer Gruppe jedoch so viel gesprochen wie über den Vatikan-Pavillon. Unter dem Titel „Das Ohr ist das Auge zur Seele“ entstand dort eine Soundinstallation in einem Garten nahe des Bahnhofs Santa Lucia. Mit Kopfhörern ausgestattet, bewegten wir uns eine gute Stunde durch sonnige Kräuter- und schattige Gemüsebeete, während sich die Klanglandschaft je nach Weg durch den Garten veränderte. Durch das Zusammenspiel der Kopfhörer mit kleinen, im Garten deponierten Geräten wurde eine Klangwelt gemapt, die uns mit unterschiedlichen Sounds und Songs überraschte, je nachdem, durch welche Zone des Gartens wir gerade schlenderten. Die Übergänge der Zonen morphten ineinander und sogar auf Bewegung wie Drehungen reagierte die Musik auf unseren Ohren mit einem Twist im Sound. Besonders berührend war darüber hinaus, jede:n von uns in einem ganz unterschiedlichen Modus der Rezeptionshaltung beobachten zu können. So saß Mia beispielsweise konzentriert zeichnend auf einer Bank, während Tristan fröhlich umherschlenderte auf der Suche nach dem besten Übergang zwischen mehreren Soundscapes. Zwischen den Arbeiten von FKA twigs, Patti Smith und vielen weiteren Künstler:innen entstand ein Erlebnis, das viele von uns noch lange beschäftigt hat.
Mindestens genauso wichtig wie die Ausstellungen waren die Stunden danach. Nach zehn oder zwölf Stunden auf den Beinen – stets auch abhängig davon, wie oft wir uns am Tag verirrt hatten – fanden wir jeden Abend wieder an einem langen Restauranttisch irgendwo in den kleinen Straßen Venedigs zusammen. Dort wurde das Gesehene gemeinsam sortiert: Wir teilten Eindrücke, befragten einander zu unseren Perspektiven und diskutierten über Arbeiten, die uns besonders beschäftigt hatten. Essen, Wein und Gedanken wurden gleichermaßen geteilt. Manchmal wurden Karten gespielt, manchmal gesungen – und oft vergingen die Abende schneller als gedacht.
Die Reise war für uns ein besonderer Abschluss des Stipendienjahres – voller Kunst, neuer Perspektiven und gemeinsamer Erinnerungen.
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