"Die Gewissheit, dass alles möglich ist" - Simon Kluth über seine dépARTS-Residenz in Paris
Simon Kluth, stART.up-Alumnus
Ich erinnere mich noch gut daran, wie das Jahr 2025 für mich begann - ich hatte Zeit und mir war langweilig. Abgesehen von einer Tour mit meinem Theaterensemble hatte ich ehrlicherweise noch so gut wie keine Ahnung, wie mein Jahr aussehen würde. Gut, die Erfahrung zeigt ja immer wieder, dass Auftritte oder Projekte auch kurzfristig anklopfen (vor allen Dingen in der Film- und Fernsehlandschaft), aber mein Kalender war noch recht leer. Wenig Termine bedeuten in der Regel viel Zeit zum Nachdenken. Nachdenken über alles Mögliche. Vor allem aber über dieses eine künstlerische Projekt: DAS Projekt, das man doch schon so lange in Angriff nehmen möchte, es aber nie schafft, weil immer wieder was dazwischen kommt. DAS Projekt, das die Antwort auf alle künstlerischen Fragen ist. DAS Projekt, das bei all unseren Verpflichtungen immer wieder hintenanstehen muss, es aber doch alles so einfach sein könnte, wenn doch nur...man braucht einfach nur mal Zeit und Mittel! Ach ja, doch wann und wie und überhaupt… die Ausschreibung für dépARTS erreichte mich also zu einem perfekten Zeitpunkt.
Musiker oder Schauspieler?
Mein geplantes Projekt für die Residenz war eine Soloperformance, inspiriert durch den Roman „Bis ich dich finde“ von John Irving. Der Roman erzählt die Geschichte des Schauspielers Jack Burns, der sein Leben lang auf der Suche nach seinem verschollenen Vater ist. Auf Grund meiner persönlichen Lebenssituation zum Zeitpunkt der Bewerbung kam mir sofort dieses Buch in den Sinn, das mich seit dem erstmaligen Lesen vor vielen Jahren faszinierte. Ich freute mich, dass ich nun endlich die Gelegenheit bekam, mich künstlerisch mit dem Buch auseinanderzusetzen. Im Zuge der Vorbereitungen für die Residenz las ich das Buch nun erneut und Hand aufs Herz: das Buch war nicht mehr so atemberaubend wie damals. Dennoch findet Irving nach wie vor ein wunderschönes Bild für die Erkenntnis des Protagonisten Jack dafür, wie er am Ende herausfindet, dass sein Vater all die Jahre immer da war und Jack sehen wollte, sich aber auf Grund einer Abmachung mit Jacks Mutter nicht zu erkennen geben konnte.
Meine Soloperformance ist eine lose Adaption des Romans. In mehreren Kapiteln bzw. Szenen verwebe ich Figuren des Buches mit autobiografischen Elementen von mir, sowie freien fiktiven Anreicherungen und einer konkreten reflektierten Ebene, in der ich über den Roman und die Erfahrungen mit der Residenz erzähle. So verschwimmt die Figur des Protagonisten Jack mit der Figur des Performers. Zwischen den Kapiteln mache ich Musik: ich spiele Geige, ich singe, benutze Elektronik. Immer wieder interagiere ich auch mit dem Publikum, indem ich es zu einem konkreten Anspielpartner mache. Ich arbeitete fast die ganze Zeit alleine. Das änderte sich, als ich zu den letzten Proben vor dem Showing (sortie de residence) eine befreundete Regisseurin aus Paris einlud, um mir Feedback zu geben.
Die Fragen, auf die ich mir Antworten durch mein Projekt erhoffte waren: Was unterscheidet die Rolle des Musikers von der des Schauspielers? Woran erkennt ein Publikum, ob es sich um ein Konzert oder um ein Theaterstück handelt? Gibt es formale Bedingungen oder klare Grenzen? Diese Fragen begleiten mich schon seit Jahren, einfach weil ich selbst sowohl als Schauspieler als auch als Musiker arbeite. Immer wieder habe ich nach einer eigenen künstlerischen Handschrift gesucht – nach etwas, was meine Arbeit auszeichnet und wiedererkennbar macht. Diese Soloperformance war der Versuch, dieser Suche eine konkrete Form zu geben: ein experimentelles Labor, in dem ich untersuchen konnte, wo die Übergänge liegen und ob es sie überhaupt gibt.
Grenzen…oder Möglichkeiten?
Im Grunde genommen aber arbeitete ich während der Residenz in der Fondation Fiminco sehr ähnlich zu dem, wie ich sonst auch mit meinem Theaterensemble arbeite. Während ich mich mit der Zeit immer tiefer auf den Proben-, Schreib- und Kompositionsprozess einließ, erkannte ich, dass ich bereits genau das tue, wonach ich die ganze Zeit suche: Ich spiele und ich mache Musik. Da ich ein und dieselbe Person bin, die dies tut, bin ich nicht entweder Schauspieler oder Musiker – ich bin beides zugleich. Das mag banal klingen, war und ist für mich aber tatsächlich eine wichtige Erkenntnis.
Sprache ist ein wichtiger Bestandteil meiner Performance. Zunächst erschien es mir sinnvoll, das Stück komplett auf Englisch aufzuführen, da mein Französisch noch nicht gut genug war. Und Deutsch machte, bei einem mehrheitlich nicht-deutschsprachigen Publikum, wenig Sinn. Doch Sprache ist nicht nur ein reines Kommunikationsmittel, es beeinflusst auch die Art und Weise, wie man selber denkt bzw. wie die Figur auf der Bühne denkt und spricht. Ich spiele auf Englisch oder Französisch anders als auf Deutsch. Da in der Romanvorlage der Protagonist durch verschiedene Länder reist, kam mir der Gedanke, ebenfalls verschiedene Sprachen zu benutzen, in diesem Falle Englisch, Deutsch und Französisch. Ein Freund aus Paris brachte mich dann auf die Idee einfach Übertitel zu verwenden. Übertitel wiederum eröffneten mir wiederum neue Spielmöglichkeiten, indem ich bspw. an manchen Stellen bewusst Übertitel wegließ, um die Aufmerksamkeit auf mich zu konzentrieren. Zudem wurde ich auch mit der Zeit immer sicherer in Französisch und ich erinnere mich noch genau an das erste Open Studio Anfang November, wie ich an meinem Atelierplatz mit Besucher:innen über meine Arbeit auf Französisch sprach. Zwar etwas holprig, aber durchaus verständlich. Vielleicht hat Hanns-Josef Ortheil auch einfach recht, wenn er in seinem Buch „Schwerenöter“ schreibt, dass Französisch keine Sprache sei, die man lerne. Sondern: "Man müsse sie sprechen. Man müsse hineingreifen in dieses Ragout aus Wörtern und Wendungen.“ Die Erfahrung mit Sprachen (und Übertiteln) motiviert mich, auch zukünftig meine Stücke international aufzuführen. Sprachen bergen keine Hindernisse, sondern Möglichkeiten.
Ich glaube, dass die täglichen Herausforderungen an der Fondation Fiminco sich sehr produktiv auf meine Arbeit ausgewirkt haben. Einmal die künstlerische Herausforderung meines Projekts, aber auch die Herausforderung des Alltags: fremde Umgebung, fremde Stadt, fremde Sprache. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.
Der internationale Aspekt der Residenz kann nicht deutlich genug hervorgehoben werden. Für mich war es ein großes Geschenk, so viele unterschiedliche Menschen und Künstler:innen kennenzulernen und mich mit ihnen auszutauschen, auch wenn ich anfangs zunächst skeptisch über die Wohnsituation war (10-er WG!, wohlgemerkt alle eigenes Badezimmer und eine wunderschöne große Wohnküche). Es entstanden nicht nur professionelle Zusammenarbeiten, sondern auch enge Freundschaften.
Ich werde weiter an meiner Soloperformance arbeiten und möchte diese auch in Frankreich zur Aufführung bringen. Wenn ich eines von der Residenz gelernt habe, dann ist es die Gewissheit, dass alles möglich ist.
Simon Kluth, geboren 1986 in Hamburg, ist Schauspieler und Musiker. Für seinen Composer Slam erhielt er den Niedersächsischen Förderpreis Musikvermittlung. Er war Gastschauspieler u.a. am Deutschen Theater Berlin, dem Royal Opera House London und zuletzt an der Metropolitan Opera New York. Er spielte in internationalen Film- und Fernsehproduktionen u.a. in der Rolle des Jospeh Saito Hadden im Kinofilm "Die Drei ??? - Toteninsel". Er ist Mitglied im Ensemble SPORT, das eigene Theater- und Musiktheaterproduktionen in Deutschland und der Schweiz realisiert. Er war Stipendiat des Deutschen Musikwettbewerbs, der Kunststiftung Baden-Württemberg und der Claussen-Simon-Stiftung.
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