Alt for Norge! Meine Zeit als Summer School-Studentin in Oslo
Lara Marie Peter, B-First-Alumna
Wenn mir jemand zu Beginn des Jahres gesagt hätte, dass ich während der Fußball-WM im Juli inmitten zehntausender Fans am königlichen Palast in Oslo für Norwegen rudern würde, hätte ich wahrscheinlich darüber gelacht. Schließlich bin ich normalerweise nicht gerade für meine Begeisterung für diese Sportart bekannt. Doch manchmal kommt es eben anders als erwartet …
Aber von Anfang an: Im Februar 2026 bewarb ich mich für den vierwöchigen Bachelorkurs "The Vikings and Medieval Norway" an der jährlichen International Summer School (ISS) der University of Oslo (UiO). Warum ausgerechnet dieser Kurs in der norwegischen Hauptstadt? Während meines Bachelors hatte ich bereits ein Studienjahr an der UiO verbracht und mich dabei sowohl in das akademische System als auch in Land und Leute verliebt. Als ich anschließend nach Möglichkeiten suchte, erneut für eine Weile in Norwegen zu leben, stieß ich auf die Summer School. Diese bot mir als Geschichtsstudentin die perfekte Gelegenheit, in meine Lieblingsstadt zurückzukehren und noch einmal norwegische (Studien)luft zu schnuppern!
Die International Summer School an der UiO blickt auf eine lange Geschichte zurück. Während des Zweiten Weltkriegs erhielten norwegische Studierende die Möglichkeit, Bildungsangebote in den Vereinigten Staaten wahrzunehmen. Als Ausdruck der Dankbarkeit wurden 1947 amerikanische Studierende zur ersten Sommersession nach Oslo eingeladen. In den Folgejahren stieg die Zahl der internationalen Teilnehmenden stetig an, sodass die "Summer School for American Students" 1958 zur "International Summer School" umbenannt wurde. In ihrer fast achtzigjährigen Geschichte haben mehr als 35.000 Studierende aus aller Welt die ISS besucht. Im Sommer 2026 waren es rund 400 Studierende aus über 70 Ländern.
Anders als während meines Erasmusaufenthalts bestand der Großteil der ISS-Students aus außereuropäischen Teilnehmenden – eine Erfahrung, die ich als sehr bereichernd empfand. Meine Zimmermitbewohnerinnen kamen aus den USA, Malawi und Australien. Alles Länder, die ich noch nie besucht habe, nun jedoch die Gelegenheit erhielt, etwas darüber aus erster Hand zu erfahren. Durch gemeinsame Erlebnisse und Gespräche konnte ich viele persönliche Einblicke in andere Kulturen und Lebensrealitäten gewinnen. Beispielsweise verbrachte ich den vierten Juli mit einer Gruppe US-Amerikanerinnen und diskutierte mit ihnen sowohl über die aktuellen politischen Herausforderungen unter der Trump-Regierung als auch über ihren Patriotismus und die Hoffnung auf eine positive Zukunft für die USA. Durch Momente wie diese wird mir verstärkt bewusst, wie viel Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer durch den gemeinsamen Austausch voneinander lernen können.
Und dann gab es plötzlich etwas, was uns alle verband: Die Begeisterung für den Fußball und das norwegische Nationalteam bei den Weltmeisterschaften! Einen ersten Vorgeschmack darauf bekam ich bereits auf meiner Hinreise. Am Abend meines Fluges nach Oslo fand ein Vorrundenspiel gegen Frankreich statt. Während das Flugzeug noch auf der Startbahn stand, verfolgte ein Großteil meiner norwegischen Mitreisenden gebannt das Spiel auf ihren Smartphones – und brach prompt in lauten Jubel aus, als Norwegen zum 1:2 ein Treffer gelang. Als ich dann gegen ein Uhr morgens mit meinem Koffer durch die Straßen zu meiner Unterkunft zog, begegneten mir zahlreiche Menschen, die trotz der Niederlage im letzten Vorrundenspiel noch ausgiebig feierten.
Während meines vierwöchigen Aufenthaltes in Oslo schien die ganze Stadt vom Fußballfieber erfasst zu sein: Norwegische Flaggen und Nationalfarben waren an jeder Ecke zu sehen und übertrumpften vermutlich sogar die Anzahl derer am Nationalfeiertag am 17. Mai. Die Gesichter der norwegischen Nationalspieler prangten auf Werbetafeln und Lebensmittelverpackungen, überall wurden Fanartikel verkauft, und zahlreiche Menschen liefen in den offiziellen WM-Trikots herum. Diese waren schließlich noch vor Norwegens Ausscheiden im Viertelfinale vielerorts ausverkauft.
Um die Begeisterung nachvollziehen zu können, muss man wissen, dass Norwegen seit 1998 nicht mehr an einer Fußball-Weltmeisterschaft der Männer teilgenommen hatte. Die Performance auf der großen Fußballbühne war also gewissermaßen ein historisches Ereignis, welches das ganze Land – und schließlich auch mich – in den Bann zog. Unter normalen Umständen lasse ich mich ehrlich gesagt nicht sonderlich für Fußball begeistern. Erst recht nicht, wenn ein solches Sportereignis unter fragwürdigen politischen Umständen stattfindet. Doch wenn eine Weltmeisterschaft dazu beiträgt, Menschen zusammenzubringen und so ein tiefes Gemeinschaftsgefühl entstehen lässt, kann ich dem Sport zumindest unter diesem Aspekt etwas Positives abgewinnen.
An den Abenden der Spiele Norwegens zogen wir ISS-Studierenden gruppenweise in die Innenstadt, um die Übertragung an diversen Public Viewing Spots wie etwa dem Rådhusplassen zu verfolgen. Dabei hätte man für den Live-Spielstand gar keinen Bildschirm gebraucht: Der Jubel norwegischer Fans während einiger WM-Spiele war so gewaltig, dass Seismografen in mehreren Städten deutliche Erschütterungen aufzeichneten. Von all den norwegischen Fußballereignissen ist mir am stärksten die Nacht des 2:1-Sieges gegen Brasilien im Achtelfinale im Kopf geblieben. Nach dem finalen Abpfiff versammelten sich rund 90.000 begeisterte Fans in der Osloer Innenstadt und vor dem Schloss, um in Anlehnung an die mittelalterlichen Expeditionen der Wikinger gemeinsam Richtung Viertelfinale zu "rudern". Schließlich gesellte sich sogar der damalige Kronprinz dazu. Es war faszinierend und auch sehr bewegend zu erleben, wie inmitten zehntausender Menschen Fremde plötzlich fast schon zu Freunden wurden, mit denen man eine Leidenschaft teilt. Deutlich spürbar wurde dieses Gefühl auch nach der norwegischen Niederlage gegen England im Viertelfinale. Was überwog, war nicht die Enttäuschung über den WM-Ausstieg, sondern vielmehr die Begeisterung und das tiefe Verbundenheitsgefühl, dass durch die norwegischen Fußballspiele entstanden war.
Neben den Ereignissen rund um die Fußball-WM bot Oslo unzählige Möglichkeiten, die Freizeit zu verbringen. Angesichts der auch in Norwegen ungewöhnlich warmen Temperaturen von um die 30 Grad verbrachten wir viele Nachmittage an diversen Badeplätzen am Oslofjord oder an den Fjorden in den umliegenden Wäldern. Gerade die Kombination aus Großstadt und Natur macht Oslo für mich als Stadt so attraktiv. Daneben bot auch die ISS regelmäßig gemeinsame Aktivitäten an, um die norwegische Kultur und Lebensweise besser kennenzulernen. Ein besonderes Highlight bildete ein Tagesausflug nach Lillehammer, bei dem wir auf den Balbergkampen wanderten und im Anschluss mehrere Museen besuchen konnten.
Bei all den Erlebnissen hätte ich glatt vergessen können, dass ich eigentlich zum Studieren nach Oslo gekommen war! Die meisten ISS-Kurse umfassten täglich drei Stunden Unterricht am Vormittag, für meinen Kurs gab es darüber hinaus Leselisten und freiwillige Assignments, die beispielsweise aus der Analyse historischer Primärquellen zur Wikingerzeit bestanden. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich jeden Tag gewissenhaft auf den Unterricht vorbereitet hätte – dafür gab es im norwegischen Sommer schlicht zu viel zu erleben. Dank einer intensiven Prüfungsvorbereitung während der letzten Kurswoche war die finale Klausur letztlich aber doch gut machbar.
Wie das häufig ist, wenn man etwas Schönes erlebt, vergingen die vier Wochen in Norwegen wie im Flug, und es hieß irgendwann Abschied nehmen. Auch mit einigem zeitlichen Abstand kann ich es jeder Person empfehlen, bei Gelegenheit eine Summer School zu besuchen. Trotz der kürzeren Dauer als bei einem Auslandssemester habe ich viele Momente besonders intensiv erlebt, binnen einen Monats Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt und eine mir bereits bekannte Stadt aus einer ungewohnten (fußballverrückten) Perspektive erlebt.
Um mit den Worten einer anderen Teilnehmenden abzuschließen: "ISS let me meet beautiful souls. Thank you for the good memories!"
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