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#Wissenschaft

Philosophische Perspektiven auf Lügen und Irreführen

Fotografie von Niklas Jung

Niklas Jung, Master Plus-Stipendiat

Unsere Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, um miteinander effizient zu kommunizieren. Erfolgreiche Kommunikation ist in so gut wie jedem Lebensbereich von Relevanz. Jedoch schlägt Kommunikation oft fehl: Wir reden aneinander vorbei, verstehen uns falsch, werden angelogen und in die Irre geführt und manchmal lügen wir vielleicht sogar selbst. Dabei ist es allerdings oft nicht eindeutig, worin der Unterschied zwischen einer Lüge und einer Irreführung liegt. Genau hier setzt die Philosophie –  genauer die Sprachphilosophie – an, indem sie untersucht, was die Bedingungen für diese Fälle der unehrlichen Kommunikation sind.

Um das Lügen und Irreführen definieren zu können, sollten wir mit einem klaren Fall einer Lüge anfangen: Anna hat heute keine Lust auf die Arbeit zu gehen, ist aber gesund. Aus diesem Grund ruft sie bei ihrer Chefin an und sagt: „Ich bin krank.“

Was macht diesen Satz zu einer Lüge? Eine prominente philosophische Theorie des Lügens ist die sogenannte content-based Theorie. Dieser Definition zufolge handelt es sich nur dann um eine Lüge, wenn (i) Person A etwas zu B sagt; (ii) mit dem Gesagten das geteilte Wissen verändert werden soll; und (iii) wenn Person A glaubt, dass das Gesagte falsch ist. Das klingt erstmal nach einer klaren Definition für das Phänomen Lüge. Anna hat bei ihrer Krankmeldung also gelogen, da sie der content-based Theorie zufolge etwas sagt – „Ich bin krank“ – dabei das geteilte Wissen verändern möchte und glaubt, dass sie tatsächlich nicht krank ist.

Und wie schlägt sich diese Definition bei folgendem Fall?

In einer Kunstgalerie fragt die Malerin Clara die Kritikerin Dona wie diese ihr Gemälde findet. Dona findet, dass die Pinselführung meisterhaft ist, aber ihr gefällt das Gemälde an sich nicht. Nun sagt Dona zu Clara: „Die Pinselführung ist meisterhaft.“ Hat sie in dieser Situation gelogen? Prüfen wir das an unserer Lügen Definition: Dona sagt etwas zu Clara, damit möchte Dona das gemeinsame Wissen verändern; aber Dona sagt in diesem Fall nichts, von dem sie glaubt, es sei falsch. Damit fliegt das Beispiel raus aus unserer Definition des Lügens.

Jedoch wurde hierbei trotzdem getäuscht, es handelt sich um eine Irreführung. Eine Lüge liegt vor, wenn jemand bewusst etwas Falsches explizit äußert. Eine Irreführung darin besteht, explizit Wahres zu kommunizieren, das implizit zu einer falschen Überzeugung führt. In dem vorangegangenen Beispiel sagt Dona nichts explizit Falsches, aber kommuniziert dabei, dass ihr das Gemälde gefällt. Damit wird es zu einem typischen Fall einer Irreführung. Hätte Dona jedoch gesagt, dass ihr das Gemälde gefällt, hätte sie gelogen. Indem Dona in die Irre führt, umgeht sie also das Lügen, führt aber trotzdem einen unehrlichen kommunikativen Akt aus.

Eine Definition für alle Kommunikationswege?

Die Philosophie hat also eine Definition gefunden, welche in verschiedenen Lebensbereichen Abhilfe leisten kann, um Lügen und Irreführungen zu unterscheiden. Dann können wir die Theorie jetzt noch an ein paar Beispielen testen:

Emilia fragt Florentine, ob sie für die Klausur gelernt hat. Florentine hat tatsächlich für die Klausur gelernt, möchte das aber nicht zugeben. Deshalb sagt sie ironisch: „Natürlich habe ich für die Klausur gelernt.“ Wahrheit oder Lüge?

Bei ironischen Äußerungen verhalten sich die sogenannten Wahrheitsbedingungen – also die Bedingungen dafür, wann ein Satz wahr ist – anders als bei wortwörtlichen Aussagen. Denn eine ironische Äußerung ist dann wahr, wenn das Gegenteil der Aussage wahr ist. Somit läuft die content-based Definition bei ironischen Beispielen in Schwierigkeiten. Wenn wir nun das ironische Beispiel mit der content-based Definition für Lügen untersuchen, dann fällt auf, dass Bedingung (iii) nicht erfüllt ist. Denn das, was Florentine gesagt hat, ist tatsächlich wahr, da sie für die Klausur gelernt hat. Das, was sie durch ihre ironische Äußerung kommuniziert, ist jedoch etwas Falsches – nämlich, dass sie nicht für die Klausur gelernt hat. Damit würde die Aussage als eine Irreführung klassifiziert werden, was nun kontraintuitiv wirkt. Das macht die Definition erstmal weniger überzeugend ...

Wie sieht das bei einem anderen Beispiel aus? Greta ist gerade im Urlaub, weshalb ihre Freundin Holly auf ihre Pflanzen in der Wohnung aufpasst. Jedoch ist Holly eine Pflanze eingegangen. Greta fragt Holly, ob es all ihren Pflanzen noch gut geht. Daraufhin schickt Holly Greta ein Bild von jeder Pflanze, auch von der, welche eingegangen ist. Jedoch ist das Bild in diesem Fall ein veraltetes und zeigt die Pflanze, als sie noch in einem guten Zustand war. Hat Holly in dieser Situation gelogen? Mit der bisher aufgestellten Definition des Lügens müssen wir diesen Fall mit nein beantworten, denn Bedingung (i), also dass etwas gesagt werden muss, ist nicht erfüllt. Jedoch widerspricht auch das wieder unserer Intuition.

Die Beispiele verdeutlichen, dass die content-based Definition des Lügens wohl doch nicht so alltagstauglich ist, wie vielleicht erhofft. Aber keine Sorge. Denn eine alternative, möglicherweise alltagstauglichere Definition des Lügens steht schon bereit.

Non-verbale Kommunikation muss mitbedacht werden

Diese alternative Theorie des Lügens ist die commitment-based Theorie. Nach dieser handelt es sich nur dann um eine Lüge, wenn (i) ein kommunikativer Akt ausgeführt wird; (ii) eine Person die Absicht hat, das zu kommunizieren; und sich dabei (iii) auf den kommunikativen Akt verpflichtet; während (iv) die Person glaubt, dass der kommunikative Akt falsch ist. Wesentlich für diese Definition ist, dass ein kommunikativer Akt vollzogen wird, sei er sprachlich explizit, implizit oder nicht sprachlich, auf welchen sich dann nachfolgend verpflichtet wird. Auch diese philosophische Definition erlaubt es uns, das Irreführen im Kontrast zum Lügen zu erfassen. Denn während mit einer Lüge eine Verpflichtung eingegangen wird, wird bei einer Irreführung diese Verpflichtung nicht eingegangen. Wir sollten die Definitionen für Lügen und Irreführen nun an einem Alltagsbeispiel testen:

Ida und Jana leben zusammen in einer Wohnung. Ida hat im Ofen noch eine Portion Nudelauflauf, welchen sie am Abend essen möchte. Am Morgen war der Nudelauflauf noch im Ofen. Als Ida jedoch abends zum Ofen geht, ist der Nudelauflauf weg. Sie verdächtigt natürlich sofort ihre Mitbewohnerin Jana. Ida konfrontiert sie und fragt: „Hast du meinen Nudelauflauf gegessen?“. Jana hat tatsächlich den Nudelauflauf gegessen, will dies aber nicht zugeben. Sie antwortet: „Nein, ich habe den Nudelauflauf nicht gegessen!“ – eine klare Lüge. Jana führt einen kommunikativen Akt aus, sie geht eine Verpflichtung ein und sie glaubt, dass ihre Behauptung falsch ist. Wie sieht das aber aus, wenn Jana etwas anderes antwortet? „Ich war heute noch nicht am Ofen!“ – immer noch eine klare Lüge, denn Jana muss am Ofen gewesen sein, um den Auflauf rauszuholen. Was wäre jedoch, wenn Jana (clever, wie sie ist) eine Freundin gebeten hat, den Auslauf aus dem Ofen zu holen. In diesem Fall würde Jana nicht lügen, wenn sie sagt, dass sie heute noch nicht am Ofen war. Mit dieser Aussage impliziert Jana, dass sie den Auflauf nicht gegessen hat, worauf sie sich jedoch nicht verpflichtet hat. Sie ist in diesem Fall lediglich darauf verpflichtet, dass sie nicht an dem Ofen war. Somit handelt es sich um einen klaren Fall einer Irreführung.

Die commitment-based Definition des Lügens scheint aussichtsreich zu sein. Kann sie auch unserer Intuition bei dem ironischen Fall und dem Bildbeispiel einfangen?

Schauen wir uns nochmal den ironischen Fall an, bei welchem Florentine auf Emilias Frage, ob sie für die Klausur gelernt hat, ironisch antwortet: „Natürlich habe ich für die Klausur gelernt.“ Worauf verpflichtet sie sich bei dieser Aussage? Bei Aussagen, welche Ironie beinhalten, ist man generell auf die Negation des Satzes verpflichtet, nicht auf das Wortwörtliche. Florentine ist also in diesem Fall darauf verpflichtet, dass sie nicht für die Klausur gelernt hat, was Florentine jedoch für falsch hält und was sie Emilia kommunizieren will. Aus diesem Grund können wir diesen Fall nun unter Bezugnahme auf die commitment-based Theorie als Lüge kategorisieren.

Bei der bildlichen Kommunikation schlägt sich die commitment-based Definition auch besser als die content-based Definition. Denn das Schicken eines Fotos ist genauso ein kommunikativer Akt wie es eine sprachliche Behauptung ist. Wenn Holly nun also Greta ein Foto schickt, dann verpflichtet sie sich darauf, dass die Pflanze so aussieht, wie auf dem Bild dargestellt. Da die Pflanze aber nicht mehr so aussieht wie auf dem Bild und Holly das weiß, jedoch das Aussehen der Pflanze auf dem gesendeten Foto kommunizieren wollte, hat sie in diesem Fall gelogen.

Die commitment-based Theorie scheint eine praktische und alltagsnahe Definition zu sein, welche das Lügen und Irreführen klar kategorisieren kann. Jedoch kommt auch diese mit ihren eigenen Tücken, weshalb auch sie weiter überdacht und überarbeitet werden muss.

Zum Schluss möchte ich noch einen klaren Vorteil der commitment-based Theorie gegenüber der content-based Theorie nennen. Unsere Kommunikation ist nämlich nicht nur rein sprachlich, sondern oft multimodal. Wir verständigen uns auch mithilfe von Bildern, Gesten oder anderen nicht-sprachlichen Mitteln. Eine Definition von Lügen und Irreführen sollte solche Fälle daher mit abdecken. Genau das gelingt der commitment-based Theorie, während die content-based Theorie hier zunächst an ihre Grenzen stößt.


 

Niklas hat zu diesem Thema einen Workshop auf unserem Stipendiat:innentreffen 2025 gehalten. 

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Sehr spannende Perspektiven

Nils
10. Februar 2026