DA SIND WIR* – FLINTAQ forschen gemeinsam zu queer-feministischen Städten
DA SIND WIR*, Jana Beckmann, Constanza Carvajal, Sarah Drain und Janna Nikoleit
DA SIND WIR* lädt ein, gemeinsam unsere vielfältigen und intersektional stark variierenden Erfahrungen im Stadtraum zu erforschen, aktiv zu werden und gemeinsam zu intervenieren, hin zu Visionen für queer-feministische Städte.
Seit fünf Jahren wird DSW* an verschiedenen Orten für eine Weile Teil der sozialen Infrastruktur, wirft Fragen auf und regt neue Erfahrungen und Begegnungen an.
DA SIND WIR* hat sich vom Projekttitel zum Gruppennamen entwickelt: Wir arbeiten zu viert, je nach dem, wie es unsere jeweiligen Lebenssituationen in zwei verschiedenen Städten mit selbstständiger, projektbasierter Arbeit, Kindern und chronischer Krankheit sowie aktuelle Förderstrukturen erlauben, wir arbeiten als „DA SIND WIR*” an Workshops, Projekt-Editionen, Talks und weiteren Formaten. DA SIND WIR* ist für uns gemeinsame Praxis und künstlerisches Forschungsprojekt, mit dem wir unterschiedliche Gruppen von FLINTA- und queeren Personen einladen, mit uns zusammen künstlerisch-phänomenologisch die eigene Erfahrung im urbanen Raum als Basis für Interventionen und Gestaltungsimpulse zu erforschen.
Hier geben wir einen Einblick in unsere Projekt-Edition "DSW* – KidzRadio", die im Sommer 2024 – von der Claussen-Simon-Stiftung gefördert – in Kooperation mit dem SOS Kinderdorf in Berlin-Moabit stattfand. Gleichzeitig stellen wir die wiederkehrende Frage nach dem „WIR*” in DA SIND WIR*.
Im Einklang mit unserer Arbeitsweise im Projektalltag schreiben wir gemeinsam und versuchen eine Methode zu entwickeln, die unseren Lebensumständen gerecht wird und einen multidimensionalen Rückblick ermöglicht, der unsere Stimmen zusammenführt, um die gemeinsame Erfahrung zu erzählen.
Wir geben uns dafür diese Schreibimpulse:
- Schreibe beim Anschauen der Projektfotos
- Schreibe beim Anschauen unseres Workshop-Plan
- Schreibe beim Lesen der Bewerbung und des Abschlussberichts
- Schreibe beim Hören der Radio Show
Schreibimpuls 1: Schreibe beim Anschauen der Projektfotos
In zwei Gruppen jagen die Kinder Geräuschen hinterher
Es ist Sommer in Berlin, Ferien, morgens schon spürt man, dass es heiß wird am Tag. Mitten in Moabit sind wir eine bunte Gruppe mit riesengroßen Luftkissen. Wir bewegen uns durch die Straßen rund um das SOS-Kinderdorf, mal langsam, mal schnell, bleiben stehen, verstecken uns hinter den Kissen und chillen auf der Straße. Aufgeregt, sichtbar und selbstbewusst sind wir ein bunter Schwarm. Die Kissen rascheln, die Kids lachen. Es gibt einen ungewohnten Moment der Ruhe für alle, die mitten auf der Straße sitzend oder liegend auf ihrem Kissen fläzen und mit geschlossenen Augen Geräuschen nachgehen. Ein Fahrrad, die S-Bahn, ein Vogel …
Zwei Tage lang teilen wir unsere Zeit und gehen auf Entdeckungsreise. Wie klingt denn nun unser Kiez? Das Aufnehmen macht Spaß, alle wollen, das Abwechseln muss erst geübt werden, und dann wird das Mikro an alles gehalten – Trampolinspringen, Metallstange auf Asphalt. Der Einkaufswagen voller Flaschen, Klappern, Rauschen, Klingeln, Musik, Stimmen. Plötzlich ist alles Geräusch, überall warten diese nur darauf, aufgenommen zu werden, und die Kids entdecken voller Neugier, Freude und Enthusiasmus.
"Aufnahme – jetzt" – "Aufnahme" – und "nochmal". Die Speicherkarten füllen sich mit den Sounds der Stadt, den Sounds aus dem Viertel an diesen Tagen. Jede Gruppe geht unterschiedliche Wege, die Sounds bewegen sich zwischen wuselig vollen Straßenzügen zu und den beruhigten Ecken des Kiezes. Am nächsten Tag wird gehört, sortiert und konzipiert, die Kids tauchen voll ein, und die Radio-Show nimmt Gestalt an, ein persönlicher Blick der Kids auf ihr Viertel – sie laden ein auf eine Stadttour mit Geräuschen, bei der natürlich ein Quiz nicht fehlen darf.
Schreibimpuls 2: Schreibe beim Anschauen unseres Workshop-Plans
Wir bereiten Übungen vor, die uns näher zu den Kindern bringen
Wir planen und imaginieren zwei Nachmittage voller Aktivitäten in unseren Skizzenbüchern, in geteilten Textd-Dokumenten, in Online-Calls und bei Streifzügen durch Moabit. Wir bereiten Übungen vor, die uns näher zu den Kindern bringen und die Kinder einladen, sich wohlzufühlen und in die Welt der alltäglichen Geräusche einzutauchen. Wir fragen: Wie klingen wir ,– als Bären? Oder wenn wir alt wären? Wie klingt unsere Umgebung, unsere Alltagswelt?
Die Übungen bewegen sich zwischen den Räumen, die wir als temporäre Community schaffen, und dem "Draußen". Um über das Draußen zu sprechen, unterscheiden wir: Welche Geräusche gibt es drinnen? Welche draußen? Wie würde ein "Draußen", das den Bedürfnissen von Kindern gerecht wird, klingen?
Schreibimpuls 3: Schreibe beim Lesen der Bewerbung und des Abschlussberichts
Wir fragen uns, ob wir das Projekt verschieben sollen
Mehrere Anträge, in denen wir eine größere Umsetzung mit Interventionen und Bau-Workshops im öffentlichen Raum für FLINTAQ sowie einer Abschlussausstellung beim ZK/U (Zentrum für Kunst und Urbanistik) planen, werden nicht bewilligt. Wir fragen uns, ob wir um ein Jahr verschieben, und entschließen uns für eine kleine Edition, für die wir dann die Mach den Unterschied!-Förderung der Claussen-Simon-Stiftung erhalten.
Zum ersten Mal arbeiten wir nur mit Kindern. Der Workshop ist voll ausgelastet, Bedarf für Dolmetscher*innen scheint es nicht zu geben. Spontan stoßen weitere Kinder hinzu, sie übersetzen dann doch füreinander ins Arabische. Eltern – vor allem Mütter – bleiben vor Ort und kommen bei Kaffee, Çay und Snacks miteinander ins Gespräch.
In den zwei Tagen wird die Stadtteilkarte von den Kindern gefüllt, dient als Anknüpfungspunkt, um über den eigenen Kiez und ihre Erfahrungen zu sprechen, sie wird eine visuelle Einordnung, ergänzend zur entstehenden Radio Show.
Schreibimpuls 4: Schreibe beim Hören der Radio Show
"Nur mal so, es kann auch sehr laut werden"
Kinder sprechen im Chor. "Nur mal so, es kann auch sehr laut werden". Laufen. Pfeifen. Klick-klack. Klick. Klack – Tischtennis. Rütteln. Meine Aufmerksamkeit wird beim Hören reingezogen. Geräusche entziehen sich mir – eine Welt, die ich nicht mehr ganz zu kennen scheine. "Das war ein Duell." "Ja, es macht sehr Spaß." Dann habe ich das Gefühl, ich bin näher dran an den Geräuschen, mein Körper beginnt, sich an eine vergangene Perspektive zu erinnern, ich schrumpfe ein bisschen, bin wieder klein, bei den von unten kommenden Geräuschen – es summt und knackt und klappert hier im Kiez. Und dann kommt der Wetterbericht. Dann eine Tour durch das Viertel,"„Ich wünsche euch viel Spaß und dass ihr auch dabei glücklich seid." … "Auf dem ersten Weg haben wir Sachen gehört, die wir eigentlich gar nicht gehört haben" – es raschelt und rauscht … Dann die Musik in der Turm-Bäckerei, Mülltonne, Trampolinspringen, die Gefriertruhe vom Waldkiosk und der Gesang von Jude und Lou …
Das WIR* in DA SIND WIR*
Zuhören und das Entwickeln von Methoden des Zuhörens stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir nehmen einander: alle Teilnehmenden der verschiedenen Editionen und uns selbst - als Projektverantwortliche und Forschende - in unserer Erfahrung ernst, als Expert*innen unterschiedlicher Aspekte des Erlebens urbaner öffentlicher Räume. Dabei interessieren uns verschiedene Perspektiven innerhalb der Gruppe der FLINTAQ, diese vielen Varianten und Diversitäten des Erlebens sind Zentrum von DA SIND WIR*.
DA SIND WIR* schreiben wir bewusst groß: WIR* SIND HIER, das ist einerseits banal, alltäglich; und gleichzeitig ist es dies für viele Personen (noch immer) nicht. Insbesondere für weiblich gelesene und queere Menschen ist es keine Selbstverständlichkeit, sich frei im öffentlichen Raum zu bewegen, und es ist häufig unvorstellbar, dies unbeschwert zu tun. Vor jeder Edition fragen wir uns erneut, was bedeutet uns das „Wir*“ in DSW*: Was bedeutet es für die Teilnehmenden und das Verständnis des Themas?
Das * beschreibt, wie das Projekt die Erfahrung von FLINTAQ begreift: als etwas, das ständig im Fluss ist, sich bewegt, fluide ist – wo Identitäten (die Menschen suchen und die sie einander zuschreiben) unsere Erfahrungen im öffentlichen Raum prägen. Wir sehen diese Frage kritisch und reflektieren, was es für das Neu-Imaginieren möglicher Zukünfte bedeutet, wenn wir nicht alle Gender mit einladen. Und wir sind überzeugt, es braucht Räume und Praxen, die nach den Bedürfnissen von FLINTAQ-Personen fragen und sich an diesen orientieren.
"Kurze Pause für Tee kochen, sollen wir in 5 mins sprechen, wie ist es bei dir? Ah ja super"
Wir haben diesen Artikel so geschrieben, wie wir auch im Projektalltag arbeiten – im Austausch, und jeweils nach eigenen Möglichkeiten. Dabei entsteht Neues, wir reflektieren die sich wandelnden Diskurse, in denen wir uns mit dem Projekt bewegen. Im gemeinsamen Schreiben zeigen sich die Herausforderungen, die die kollektive Arbeit als Gruppe an einem Projekt, das jeder von uns wichtig ist, aber für alle nur einen kleinen Teil des eigenen Arbeitens ausmacht, mit sich bringt: Zeitpläne verschieben sich, Texte entstehen fragmentiert, eine schreibt, eine löscht, manches geht verloren, Missverständnisse entstehen. Durch Gespräch, Vertrauen und erneutes Zusammenfinden entsteht ein gemeinsamer Fluss. Schlussendlich braucht es eine Person, die sich vertieft und den Text zusammenführt, eine Praxis, die auch im Projektalltag eine zentrale Herausforderung darstellt. Diesem Thema möchten wir 2026 mit einem offenen Reflexionstreffen begegnen. Gleichzeitig haben wir mit unseren "Schreibaufgaben" eine zeitlich flexible, voneinander unabhängige und dennoch verbundene, zum gemeinsamen Ergebnis führende Methode entwickelt, um uns jeweils zu vertiefen. Der Schreibprozess erinnert uns daran, unsere Arbeit auch jenseits konkreter Projekt-Editionen als gestaltete, künstlerische Forschung zu verstehen, den eigenen Arbeitsprozess als Gruppe bewusst zu gestalten und zu reflektieren. An diesen Herausforderungen wachsen wir. Sie ermöglichen es uns, unsere Zusammenarbeit, das Projekt und seine Themen kritisch zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt macht die Förderung dieser Arbeit es möglich, auf Einladungen von Initiativen und Gruppen zu reagieren und mit FLINTAQ* sowie anderen Gemeinschaften gemeinsam künstlerisch zu forschen und zu agieren.
Was wir gerne noch von Euch wissen möchten, DSW*: "Eure kollaborative Schreibweise hat Euch ganz besondere Zugänge ermöglicht, um über Euer Projekt zu berichten. Welchen Herausforderungen seid Ihr im Prozess dadurch begegnet?"
"Im gemeinsamen Schreiben zeigen sich die Herausforderungen, die die kollektive Arbeit als Gruppe an einem Projekt, das jeder von uns wichtig ist, aber für alle nur einen kleinen Teil des eigenen Arbeitens ausmacht, mit sich bringt: Zeitpläne verschieben sich, Texte entstehen fragmentiert, eine schreibt, eine löscht, manches geht verloren, Missverständnisse entstehen. Durch Gespräch, Vertrauen und erneutes Zusammenfinden entsteht ein gemeinsamer Fluss. Schlussendlich braucht es eine Person, die sich vertieft und den Text zusammenführt, eine Praxis, die auch im Projektalltag eine zentrale Herausforderung darstellt."
Artikel kommentieren
Kommentare sind nach einer redaktionellen Prüfung öffentlich sichtbar.